20 Jahre Deutschlandradio /

 

Gastbeitrag Peter Voß Glücksfall der deutschen Rundfunkgeschichte

Von Peter Voß

Zu sehen ist ein Porträtfoto von Peter Voß vor einer Bücherwand, bekannt als Journalist und Präsident der Quadriga Hochschule Berlin. Voß arbeitet unter anderem für das ZDF und war Intendant des Südwestfunks SWF, den er in den Südwestrundfunk SWR überführte. (Copyright Quadriga Hochschule Berlin)
(Copyright Quadriga Hochschule Berlin)

Das Jahr 2014 steht uns bekanntlich als "Supergedenkjahr" ins Haus: 100 Jahre sind seit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs vergangen, 75 Jahre seit Beginn des Zweiten. Aber, und da wird"s endlich friedlich-positiv: Vor 25 Jahren fiel ohne Blutvergießen die Mauer, geschleift von unerschrockenen, freiheitsliebenden Deutschen – fast ein deutsches Wunder. Und eben damit verbindet sich für einen alten Medienmann ein spezieller Anlass zu fröhlicher Erinnerung.

 

Am 1. Januar 1994 wurde das Deutschlandradio, der "Nationale Hörfunk", wie es sich mit berechtigtem Stolz nennt, per Staatsvertrag von den 16 deutschen Ländern gegründet – auch Deutschlandradio ist also eine Landesrundfunkanstalt, aber eben eine Anstalt aller Länder mit einem Programmauftrag für ganz Deutschland.

Es hätte ganz anders kommen können. Denn der Auftrag des "alten" Deutschlandfunks, die Deutschen "drüben" mit sachlicher, gründlicher, genauer und unzensierter Information über den Westen zu versorgen und die Bundesbürger mit ebenso ungeschminkter Information über die DDR, war erfüllt, der Sender hatte seine Schuldigkeit getan und erschien manchem schlicht überflüssig. Zugegeben: Auch manchem Entscheidungsträger

in der föderalistisch verfassten ARD, während die zentrale Länderanstalt ZDF endlich ihr eigenes "nationales" Hörfunkangebot wollte und sich den Deutschlandfunk am liebsten einverleibt hätte. Dass stattdessen der Kölner Sender mit dem Ostberliner Deutschlandsender Kultur und dem Westberliner RIAS vereint wurde, verdankte er vor allem seinem hohen Ansehen in der politischen Klasse.

Gerade wegen seines hohen Anspruchs und Niveaus war der Sender bei den Meinungsführern jeder Couleur wohlgelitten, zumal er damit gerade nicht auf die Zielgruppen der kommerziellen Konkurrenz aus war – so gab es, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven, von links bis rechts Rückenwind aus der Politik. Ich geb's ja zu: Als Intendant eines großen, gleichfalls durch eine Fusion entstandenen ARD-Senders war ich nicht unbedingt glücklich, wenn mein Freund Ernst Elitz das Hohelied von der reinen öffentlich-rechtlichen Qualität seines Senders anstimmte, in schönem Kontrast zum Gemischtwarenladen von ARD und ZDF und nicht ohne begehrlichen Blick auf unsere Hörfunkfrequenzen. Denn wir anderen mussten ja auch Hörer und Zuschauer bei der (Gebühren-)Stange halten, die, beispielsweise, ein Angebot verlangen, das sie mit Volksmusik verwechseln. Und sonst allenfalls noch Fußball und Nachrichten. Mit Elitz' Nachfolger Willi Steul war ich da übrigens völlig einig – denn damals war er ein engagierter SWR-Direktor. Und heute – sind wir wieder einig, hab' ich mich doch längst zur Einsicht bekehrt, dass das Deutschlandradio auch ARD und ZDF zu Nutzen, Ruhm und Ehre gereicht. Denn längst ist es aus unserem politischen, kulturellen, wirtschaftlichen, kurz, aus dem Leben unserer Gesellschaft umso weniger wegzudenken, je mehr sich diese Gesellschaft aus alten Bindungen löst – unter der Wucht globaler und europäischer Krisen und im Sog der digitalen Kommunikationsflut.

Die "neue Unübersichtlichkeit", die rasant wachsende Komplexität aller politisch relevanten Sachverhalte und Prozesse, schreit ganz einfach nach publizistischen

Instanzen, die uns nicht irgendeine Meinung vorgeben, sondern die Bildung einer eigenen Meinung erst ermöglichen – nicht nur durch "Fakten, Fakten, Fakten", sondern durch die Analyse der Zusammenhänge und eine ebenso unaufgeregte wie stichhaltige Kritik.

Meinungen gibt"s nun mal wie Sand am Meer, auf die Meinung an sich kommt es gar nicht an – sondern auf die Begründung. Deutschlandradio begründet – es legt den Grund, in täglich erneuerter Anstrengung, für Kenntnis, Kompetenz, Urteilskraft. Und deshalb ist seine Gründung vor 20 Jahren ein Glücksfall unserer Rundfunkgeschichte.

 

Peter Voß ist Präsident der Quadriga Hochschule Berlin, Journalist und Autor. Er arbeitete für das ZDF und war Intendant des zunächst noch SWF genannten Südwest Rundfunks SWR. Voß' ganze Biografie können Sie auf Peter Voß' Homepage nachlesen.

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